Reflexionen  ·  Gadamer  ·  Juli 2026

Verstehen im Lebenslauf

Man erinnert sich nie voraussetzungslos. Jede Erzählung der eigenen Geschichte trägt schon die Deutung in sich, mit der man heute auf sie blickt. Gadamer nannte das Vorurteil, nicht als Fehler, sondern als Bedingung von Verstehen überhaupt. Ohne einen Standpunkt, von dem aus man liest, gibt es nichts zu lesen.

Das merkt man selten im Alltag. Man merkt es an Übergängen. Ein Jobwechsel, eine Trennung, ein rundes Geburtsjahr. Plötzlich erzählt man die eigene Geschichte anders als noch vor einem Jahr, ohne dass sich die Fakten geändert hätten. Was sich geändert hat, ist die Brille.

Die Geschichte ändert sich, ohne dass ein Ereignis sie ändert

Das ist unbequem, weil es nahelegt, dass die eigene Vergangenheit weniger fest ist, als sie sich anfühlt. Man möchte glauben, die eigene Biografie sei ein Bericht. Tatsächlich ist sie eine laufende Übersetzung, jedes Mal neu, aus der Gegenwart heraus, in der man gerade steht.

Das heißt nicht, dass alles beliebig wird. Gadamer bestand darauf, dass Verstehen kein freies Erfinden ist, sondern ein Gespräch mit dem, was tatsächlich geschehen ist. Die Vergangenheit widerspricht, wenn die Deutung zu weit von ihr abweicht. Aber innerhalb dessen, was sie zulässt, gibt es immer mehr als eine mögliche Lesart.

Wer eine berufliche Entscheidung immer nur als Sachzwang erzählt, hat wahrscheinlich eine Version, in der er selbst gewählt hat, still gestellt.

Woher weiß man, welche Brille man gerade trägt

Selten direkt. Meistens daran, was in der eigenen Erzählung fehlt. Wer eine berufliche Entscheidung immer nur als Sachzwang erzählt, hat wahrscheinlich eine Version, in der er selbst gewählt hat, still gestellt. Wer eine Trennung nur als Verlust erzählt, hat vermutlich eine Version, in der auch etwas begonnen hat, noch nicht zugelassen.

Ein Gespräch über die eigene Lebensgeschichte setzt genau dort an, nicht bei den Fakten, die stehen meist fest, sondern bei der Brille, durch die sie gerade gelesen werden. Manchmal reicht ein einziges Gespräch, um sie überhaupt sichtbar zu machen.

← Alle Reflexionen

Über die eigene Lebensgeschichte sprechen