Reflexionen  ·  Hartmut Rosa  ·  Juli 2026

Unverfügbarkeit erfahren

Es gibt Momente, die sich keiner Anstrengung fügen. Eine Diagnose, die den Kalender über den Haufen wirft. Ein Vorhaben, sorgfältig geplant, das trotzdem nicht gelingt. Der Soziologe Hartmut Rosa nennt das Unverfügbarkeit, alles, was sich der eigenen Verfügungsmacht entzieht, auch wenn man alle Mittel der Welt einsetzt.

Die erste Reaktion ist fast immer dieselbe. Mehr Kontrolle, eine bessere Strategie, ein neuer Plan. Manchmal hilft das. Manchmal zeigt sich dabei nur deutlicher, dass die Situation selbst sich nicht bewegt, wie sehr man sie auch bearbeitet.

Warum mehr Kontrolle nicht immer die Antwort ist

Rosa beschreibt eine Gesellschaft, die darauf aus ist, alles verfügbar zu machen. Zeit, Gesundheit, Beziehungen, sogar das eigene Wohlbefinden. Was sich dem entzieht, wird schnell als Störung erlebt, als etwas, das behoben gehört. Seine These liegt woanders. Unverfügbarkeit ist keine Störung. Sie gehört zum Leben, so wie die Nacht zum Tag gehört.

Das ändert nichts an der Situation selbst. Aber es ändert die Frage, die man an sie stellt. Nicht mehr, wie gewinnt man die Kontrolle zurück, sondern, in welchem Verhältnis steht man zu etwas, das sich nicht zurückgewinnen lässt.

Der Unterschied zwischen jemandem, der von einer Krankheit überrollt wird, und jemandem, der eine Krankheit hat und trotzdem noch handlungsfähig bleibt, liegt selten in der Krankheit selbst.

Ein anderes Verhältnis, keine Lösung

Das klingt zunächst nach Resignation, ist aber etwas anderes. Wer aufhört, gegen das Unverfügbare anzurennen, gewinnt nicht die Situation zurück, aber vielleicht die eigene Haltung dazu. Der Unterschied zwischen jemandem, der von einer Krankheit überrollt wird, und jemandem, der eine Krankheit hat und trotzdem noch handlungsfähig bleibt, liegt selten in der Krankheit selbst.

Ein Gespräch über Unverfügbarkeit beginnt nicht bei der Frage, wie man das Problem löst. Es beginnt bei der Frage, was es bedeutet, mit etwas zu leben, das sich nicht lösen lässt.

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