Ein Klient fragte kürzlich, ob jemand, der seine Identität stark auf seinen Werten aufbaut, unter der eigenen Zerrissenheit besonders leiden müsse. Als Beispiel nannte er den Menschen, der sich einmal nur für sich selbst entscheiden möchte und dabei mit dem eigenen Anspruch in Konflikt gerät, für andere da zu sein.
Die naheliegende Antwort lautet, das sei ein Problem, das sich lösen läßt. Man einigt sich auf eine Seite, entweder die Sorge um andere oder die Sorge um sich, und die Spannung ist beendet. Diese Antwort hat einen Fehler. Sie behandelt die Spannung als Störung, die beseitigt gehört, statt als das, was sie eigentlich ist.
Ein Mensch hält solche Gegensätze oft über lange Zeit gleichzeitig aus. Er nimmt Armut und Reichtum gleichzeitig wahr, ohne beides auflösen zu müssen. Er trägt Fortschritt und Tradition gleichzeitig in sich, ohne sich für eines entscheiden zu müssen. Zwei Werte gleichzeitig für gültig zu halten, ohne einen davon aufzugeben, nur um endlich Ruhe zu haben, ist dabei kein Sonderfall, sondern die gewöhnliche Verfassung, in der Menschen die meiste Zeit leben.
Stehenbleiben ist noch keine Leistung
Das Stehenbleiben im Widerspruch ist für sich genommen aber noch keine Leistung. Es kann ebenso gut in Stillstand münden, in das Gefühl, keinen Schritt weiterzukommen, während um einen herum alles seinen Lauf nimmt. Der Unterschied liegt nicht darin, ob die Spannung aufgelöst wird, sondern ob innerhalb von ihr noch gehandelt wird. Wer trotz ungelöster Widersprüche weiter entscheidet, und sei es nur in kleinen Schritten, bleibt in Bewegung. Wer die Spannung nur erträgt, ohne innerhalb von ihr zu handeln, erlebt genau das, was oft mit Sinnlosigkeit verwechselt wird, nämlich Frustration über ausbleibenden Fortschritt.
Das zeigt sich oft nicht als offener Stillstand, sondern als sein Gegenteil. Jemand funktioniert tagtäglich, erledigt was ansteht, hält den Betrieb am Laufen, und hat trotzdem das Gefühl, seit Jahren auf derselben Stelle zu stehen. Der erste Schritt bleibt aus, nicht weil er unbekannt wäre, sondern weil jeder mögliche erste Schritt bedeuten würde, einen der beiden Werte zumindest vorübergehend zurückzustellen. Das Nichtwissen, wie der erste Schritt aussehen soll, ist dann keine fehlende Information. Es ist die Form, in der die Weigerung auftritt, sich für eine Richtung zu entscheiden, solange man beiden Seiten gleichzeitig gerecht werden will.
Die Aufgaben werden erledigt, die Termine eingehalten, es fällt niemandem auf, solange man funktioniert. Genau das unterscheidet die tragende Spannung von der lähmenden. Bei der tragenden Spannung entsteht der nächste Schritt aus der Sache selbst. Bei der lähmenden muß der Mensch den Punkt, an dem eine Entscheidung fällig wird, selbst herstellen, weil ihn sonst niemand herstellt.
Das ist die eigentliche Aufgabe. Nicht das Ertragen des Widerspruchs allein, das kann jahrelang geschehen, ohne daß sich etwas bewegt. Sondern der Moment, in dem sich jemand selbst dazu verpflichtet, trotz ungelöster Spannung zu handeln, ohne auf die vollständige Auflösung zu warten, die ohnehin nie kommt.
Wenn der Anspruch selbst zur Falle wird
Am Anfang steht meistens keine Lähmung, sondern ihr Gegenteil. Ein hoher Anspruch an sich selbst, beiden Werten gerecht zu werden, keinen zu verraten, die Sache richtig zu machen. Genau dieser Anspruch kippt irgendwann um. Aus dem Willen, es richtig zu machen, wird die Unfähigkeit, überhaupt etwas zu machen. Von innen ist dieser Punkt schwer zu bemerken, weil sich der Anspruch selbst nicht verändert, nur seine Wirkung. Was die Lähmung in vielen Fällen trägt, ist eine Verwechslung, die Gleichsetzung eines vorläufigen Schrittes mit einem endgültigen Urteil. Ein kleiner Schritt in eine Richtung entscheidet noch nicht, welcher der beiden Werte gewinnt. Er ist ein Versuch, der zurückgenommen werden kann, sobald sich zeigt, daß er dem anderen Wert zu sehr schadet. Wer jeden ersten Schritt behandelt, als würde er die Sache damit endgültig entscheiden, hat sich genau die Bewegungsart genommen, die ohne vollständige Auflösung noch möglich wäre.
Diese Reflexion setzt zwei Dinge voraus, die nicht immer gegeben sind. Erstens, daß ein erster Schritt tatsächlich zurückgenommen werden kann. Zweitens, daß seine Vorläufigkeit auch von anderen als solche anerkannt wird. Ein ausgesprochenes Wort oder eine öffentlich gewordene Entscheidung lassen sich nicht in jedem Fall widerrufen, und selbst ein Schritt, der als Versuch gemeint war, kann von anderen als endgültig gedeutet werden. Wo das zutrifft, ist Zurückhaltung keine Verwechslung mehr, sondern eine richtige Einschätzung der Lage. Wer einen solchen Fall kennt, in dem genau diese Unterscheidung schwierig war, ist eingeladen, ihn mit mir zu besprechen.