Einem Neubeginn steht selten fehlender Mut im Weg. Häufiger ist es der Wunsch, vorher zu wissen, wie es ausgeht. Bevor man den Beruf wechselt, eine Beziehung eingeht oder nach einem Bruch wieder etwas wagt, will man sicher sein, daß es sich lohnt. Man wägt ab, holt Meinungen ein, rechnet Varianten durch und wartet auf den Moment, in dem der Ausgang absehbar wird. Dieser Moment kommt nicht, und so wird das Warten selbst unbemerkt zur Lebensform.
Hinter dieser Haltung steht eine Vorstellung vom eigenen Leben, die so selbstverständlich geworden ist, daß sie kaum noch auffällt. Man behandelt den Lebensweg wie ein Werkstück. Am Anfang steht der Entwurf, dann folgt die Ausführung, und am Ende liegt ein Ergebnis vor, das dem Entwurf entspricht oder von ihm abweicht. Wer so denkt, für den ist ein Anfang ohne gesicherten Ausgang schlicht ein schlechter Plan.
Herstellen und Handeln
Hannah Arendt hat in ihrem Buch Vita activa zwei Weisen des Tätigseins voneinander unterschieden, die im Alltag ständig verwechselt werden. Beim Herstellen steht das Ende schon am Anfang fest. Der Tischler hat den Tisch vor Augen, bevor er das Holz berührt, er bestimmt, wann die Arbeit getan ist, und das Ergebnis gehört ihm. Handeln folgt einer anderen Logik. Wer handelt, tut etwas unter anderen Menschen, und diese anderen antworten darauf, greifen es auf, verstehen es anders als gemeint und führen es in Richtungen weiter, die niemand vorgesehen hat.
Arendt nennt den Raum, in den jede Handlung fällt, das Bezugsgewebe menschlicher Angelegenheiten. Was dort einmal in Gang gesetzt ist, löst Folgen aus, die sich nicht vollständig überblicken lassen, und es läßt sich nicht mehr ungeschehen machen. Handeln ist deshalb unabsehbar und unwiderruflich zugleich. Arendt dachte dabei zuerst an das politische Handeln im öffentlichen Raum. Die Struktur, die sie beschreibt, trägt jedoch überall dort, wo ein Mensch etwas beginnt, das andere berührt, und das gilt für fast jeden Neubeginn, der diesen Namen verdient.
Damit ein Anfang sei
Daß Menschen überhaupt anfangen können, führt Arendt auf eine unscheinbare Tatsache zurück. Sie werden geboren. Jeder Mensch kommt als Neuankömmling in eine Welt, die vor ihm da war, und ist damit selbst ein Anfang. Arendt nennt diese Grundbedingung Natalität und beruft sich auf einen Satz des Augustinus, wonach der Mensch geschaffen wurde, damit ein Anfang sei. Freiheit heißt in diesem Verständnis nicht, über das Ergebnis des eigenen Tuns zu verfügen. Sie heißt, etwas in Gang setzen zu können, das sich aus dem Bisherigen nicht ableiten läßt.
Daraus folgt eine unbequeme Einsicht. Die Geschichte, die mit einem Anfang beginnt, hat bei Arendt einen Helden, jedoch keinen Autor. Wer handelt, tritt in diese Geschichte ein und zeigt sich in ihr, er schreibt sie nicht. Ihr Sinn wird häufig erst im Rückblick erkennbar, und oft sehen ihn andere früher und deutlicher als derjenige, der sie begonnen hat.
Von hier aus erscheint der Wunsch, vor dem Anfang das Ende zu kennen, in einem anderen Licht. Er ist der Versuch, Handeln in Herstellen zu verwandeln und das eigene Leben so zu behandeln, als ließe es sich wie ein Tisch nach Plan anfertigen. Dieser Versuch macht den Anfang nicht sicherer. Entweder verhindert er ihn, oder er verwandelt ihn in die bloße Ausführung eines Entwurfs, in der nichts Neues mehr geschehen kann. Ein Anfang, dessen Ende feststeht, wäre keiner.
Arendt verklärt diese Lage nicht. Sie sieht, daß Unabsehbarkeit und Unwiderruflichkeit eine Last sind, und sie nennt zwei Vermögen, die diese Last tragbar machen. Das Verzeihen löst Menschen aus der Bindung an das, was geschehen ist, und das Versprechen setzt in einer ungewissen Zukunft einzelne verläßliche Punkte, die Arendt mit Inseln vergleicht. Beide brauchen andere Menschen. Ein Versprechen, das man nur sich selbst gibt, bindet nicht, und auch darin zeigt sich, daß Anfangen keine Privatsache ist.
Was sich damit verschiebt, ist das Verhältnis zur Ungewißheit. Daß der Ausgang offen ist, erscheint dann nicht mehr als Mangel, der vor dem Anfang behoben werden müßte. Es ist die Bedingung dafür, daß überhaupt etwas Neues in die Welt kommt. Wer darauf wartet, daß diese Offenheit verschwindet, wartet auf einen Zustand, den es beim Handeln nicht gibt.
Hannah Arendt, Vita activa oder Vom tätigen Leben, Stuttgart 1960, amerikanische Originalausgabe The Human Condition, Chicago 1958. Das Augustinus-Wort, das Arendt zitiert, lautet Initium ut esset homo creatus est und stammt aus De civitate Dei, Buch XII.